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Neue Züricher Zeitung, Juli 2001


Wo die Tropen schön und traurig sind

Iquitos, die faszinierende Inselstadt im Urwald Perus, fühlt sich von allen im Stich gelassen. Elend herrscht am Amazonas. Ein bisschen Hoffnung auf bessere Zeiten gibt es auch.

Von Christoph Kuhn, Iquitos

Eine Reise in die Grossstadt Iquitos (400 000 Einwohner) zu unternehmen - das bedeutet, eine Insel zu besuchen. Wohl liegt Iquitos auf Festland, mitten
im Urwald, im Norden Perus. Die Stadt ist aber nur über Wasserwege oder mit dem Flugzeug zu erreichen. Von Wasserläufen, von teils abgeholztem, teils
erhaltenem Urwald, teils nachgewachsenem niederem Sekundärwald umgeben, dient Iquitos heute als Ausgangsort touristischer Expeditionen in das
Amazonasbecken.

"Fitzcarraldo"-Stimmung

Und Tourismus ist auch das Einzige, was sich in der Region Gewinn bringend entwickelt hat; ausser dem Schmuggel und dem Drogenhandel natürlich, die sich hier, im Dreiländereck Peru/Kolumbien/Brasilien ausgesprochen schwunghaft und lukrativ anlassen, trotz der strengen Beaufsichtigung seitens der hier
stationierten Sicherheitskräfte - oder gerade wegen dieses besonderen Interesses? Genaues lässt sich nicht eruieren, aber irgendwo muss das Geld ja herkommen, mit dem sich die hohen Offiziere ihre Prachtsvillen bauen, meinen die Einheimischen.

Der Vergnügungsreisende wird sich in der Stadt nicht lange aufhalten, vielleicht den wunderbaren Ausblick an der Uferpromenade geniessen, vorzugsweise bei
Sonnenuntergang, an Werner Herzogs Film "Fitzcarraldo" denken, der in der Umgebung gedreht wurde, das von Eiffel projektierte Eisenhaus besuchen, eine Reverenz an die Zeiten des Kautschukbooms, eine kleine Stadtrundfahrt mit einem der lustigen Motocarros absolvieren und dann im Hafen einen dieser
sargähnlichen Holzdampfer besteigen, die den Amazonas bis an die Mündung befahren, um sich in die nächste komfortable Lodge im Busch oder 1700 Kilometer flussabwärts nach Manaus verfrachten zu lassen.

Der Schönheit und Üppigkeit der Tropen, der Faszination von Flora und Fauna, Farben, Gerüchen, der aus jeder Pore der Stadt strömenden Sinnlichkeit, der
einschläfernden Hitze und Luftfeuchtigkeit, dem durch Strassen und Häuser tönenden Technocumbia-Sound, einer absolut tödlichen Mischung aus tropikalen Ohrwürmern und Stampfrhythmen - wer möchte sich solchen Reizen entziehen? Aber traurig sind sie trotzdem, die Tropen, mit ihren verendenden, verelendenden Kulturen und Subkulturen. Was der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss auf seinen Reisen durch den brasilianischen Mato Grosso schon vor 65 Jahren gesehen und später in den "Traurigen Tropen"
unübertrefflich beschrieben und analysiert hat, scheint sich - unaufhaltsam - weiterzuentwickeln bis heute.

Die Nachkommen der amazonischen Indianervölker und der Mestizen in Peru leben in und um Iquitos in unvorstellbarer Armut und fühlen sich von Gott, der
Welt und ihrer eigenen Regierung verlassen. Der Fatalismus, dem sie sich unterwerfen, die wuchernde, fruchtbare Vegetation, die macht, dass sie nicht grad verhungern auf der Strasse, die hitzebedingte, empörungshemmende Trägheit und Stumpfheit des Besuchers, auch des professionellen, der kaum mit
Klagen konfrontiert wird, sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Teile von Iquitos gibt, die gut als Illustration für den Limbus, die Vorhölle, gelten können. Dass sie sich in unmittelbarer Nachbarschaft des als touristisch attraktiv geltenden schwimmenden Stadtteils Belén befinden, gehört zu den
notorischen Paradoxien Lateinamerikas.

18 000 Menschen vegetieren im Venecia-Quartier. Die Allusion an Venedig mutet zynisch an. Ein Besuch des gettoähnlichen Gebiets, an einem stark verschmutzten Seitenarm des Amazonas gelegen, lässt einen bedrückt und ratlos zurück. Die beiden energischen und trotz allem optimistischen Lokalpolitiker, Roque Rojas Pinedo und Walter Villacorta Panduro, christlichsozial
orientiert und über eine in Peru tätige Stiftung mit der deutschen CSU liiert, haben es nicht darauf abgesehen, Bilder des Horrors zu vermitteln. Im Gegenteil: Sie weisen den Besucher auf die kleinen Signale des Fortschritts hin; zeigen Stromleitungen, ein kleines Gesundheitszentrum - das freilich ohne
Medikamente, ohne die nötigsten Requisiten funktionieren muss; den alles überlagernden Markt vor  allem, von dem die Quartierbewohner leben; hier werden Bananen und Schildkröteneier, zerlegte Urwaldtiere und ein paar Getreidesorten, Gemüse und Süssigkeiten verkauft. Die getrockneten Fische auf den Holzgestellen verbreiten strenge Gerüche, die sich mit süsslich-fauligen Dünsten, mit fetten Rauchschwaden und Abwassergestank vermischen.
 

Optimistische Lokalpolitiker

Walter und Roque halten Pläne bereit, kennen jedes einzelne der Probleme, mit denen es die hier Ansässigen zu tun haben, und schlagen praktikable
Lösungen vor. Nur gab es bis jetzt kein Geld für ihre Sanierungsprojekte. Ausser der erwähnten Seidel-Stiftung scheint sich hier bisher keine der grossen, sonst immer zahlreich anzutreffenden privaten oder halbstaatlichen Hilfsorganisationen eingenistet zu haben. Und die Behörden, vor allem die überregionalen, kümmern sich nicht um Venecia. Was unsere beiden Gewährsmänner nicht zu entmutigen
scheint. Sie setzen, wie viele Peruaner, grenzenlose Hoffnungen auf die angebrochene Nach-Fujimori-Zeit. Freundlichkeit und Optimismus der beiden Politiker können indessen den niederschmetternden Eindruck, den der Besucher erhält, nicht mildern. Den erlebten Bildern hält das abstrakte Prinzip Hoffnung nicht stand.

Die aus ein paar Brettern zusammengehämmerten Häuser mit den Palmstrohdächern stehen auf hohen Pfählen. Jedes Jahr in der Regenzeit schwillt der Amazonas um acht bis zehn Meter an, überschwemmt Strassen und
Marktstände und setzt einen Teil der Pfahlbauten unter Wasser. Jetzt, in der Trockenzeit, sinkt man in der Strassenmitte knietief im Schlamm ein. Der Abhang zum Fluss wird als Schutthalde benutzt. In der Dreckbrühe baden junge Männer, andere pinkeln von einem Schiff aus ins Wasser, Frauen waschen Kleider und füllen ihre Kochtöpfe.

Krankheitswellen

"Hygiene", so Roque mit einem Stossseufzer, "ist noch weit weg von uns. Das muss den Kindern in der Schule beigebracht werden. Wenn sie in die Schule gehen. Bei den Eltern ist nicht mehr viel zu machen." Epidemieähnliche Wellen von Magen-Darm-Krankheiten oder Erkrankungen der Atemwege gibt es jedes Jahr. Ein schwärzliches Schwein versinkt bis zum Bauch in der Strasse und scheint sich sauwohl zu fühlen. Zerlumpte Männer schauen aus den paar hüfthohen öffentlichen Latrinen heraus, die auf einem Nebenweg installiert
wurden. Graue Geier hocken auf Hausdächern, Sträuchern, in den Wegen und hüpfen plump einen Meter von einem Stückchen Aas weg, wenn ihnen ein Passant zu nahe kommt.

Im Gegensatz zu den Theorien der christlichen und nichtchristlichen Heilsverkünder ist der Mensch eher des Menschen Wolf als sein solidarischer Nächster. Eine unangenehme Wahrheit, die, wiederum entgegen der Meinung wohlmeinender Menschenfreunde, auch unter den Ärmsten der Armen ihre Opfer fordert. Noch die schwer Kranken, denen man im Gesundheitszentrum von Venecia eine Empfehlung fürs Krankenhaus gibt, weigern sich, den Limbus freiwillig zu verlassen. Aus Angst vor dem lieben Nachbarn, der ihnen die paar zurückgelassenen Habseligkeiten stehlen könnte. Ein selbstvergessener kleiner Junge mit einem einst weissen Leibchen als einzigem Kleidungsstück rennt
durch den Schlamm, zieht einen Papierdrachen hinter sich her, lässt ihn aufsteigen und freut sich.


Zentralismus - ein Grundübel Lateinamerikas

Ein Hauptgrund für die Misere, in der die Bewohner des peruanischen Amazonasgebiets leben, liegt im extremen politischen Zentralismus.

Was sich in und um Iquitos studieren und besichtigen lässt, ist ein Übel, dem viele lateinamerikanische Provinzen zwischen Feuerland und dem Rio Grande
unterworfen sind. Die Präsidialregimes mit ihrer Devise, alle Macht dem Chef zu übertragen, und den entsprechend formulierten Staatsverfassungen bemühen
sich kaum je ausreichend um die Entwicklung der problematischen Regionen ihrer Länder. Abgeordnete aus den armen Gebieten können sich in den nationalen
Parlamenten nicht durchsetzen. Hilfe wird willkürlich, hauptsächlich in Wahlzeiten gewährt, Strukturprobleme werden nicht angegangen.
 

Starke Militarisierung

In der peruanischen Provinz Loreto, der grössten, aber am schwächsten besiedelten Perus, ist die Situation besonders schlimm. Das hat mit der Geschichte Perus und mit dem zehnjährigen autoritären Regime Alberto
Fujimoris zu tun. Der über Jahrzehnte sich hinziehende Grenzkonflikt mit Ecuador, der zwischendurch zu einem Krieg eskalierte und heute beigelegt ist, bewirkte, dass die Region stark militarisiert wurde. Die in Iquitos und im Grenzgebiet zu Ecuador, Kolumbien und Brasilien massierten Sicherheitskräfte, Militär und Polizei, haben einen eigentlichen Staat im Staat entwickelt. Die Region profitiert nicht von dieser Präsenz. Lokale Behördenmitglieder werden nur als Befehlsempfänger berücksichtigt, die Bedürfnisse der Einwohner ignorieren.

Fujimori setzte 1992 die Landesverfassung ausser Kraft und liess eine neue erarbeiten. Die schüchternen Ansätze einer Dezentralisierung wurden vernichtet, die eben erst ins Leben gerufenen Regionalparlamente
aufgelöst, die Administratoren in ihren Kompetenzen beschnitten und das nationale Zweikammersystem durch einen einheitlichen Kongress ersetzt.
Die Konsequenzen sind verheerend. Ivan Vasquez Valera, Vorsteher der flächenmässig grössten Gemeinde Perus, Maynas, zu der auch ein Teil von Iquitos gehört, schildert sie drastisch: "Wir bekamen in den letzten zehn Jahren nur Almosen von Fujimori. 3 Prozent des Staatsbudgets wurden für die Regionen eingesetzt.
Dabei verfügt unsere Provinz über 80 Prozent der peruanischen Ölvorkommen. Fujimori hat die Ölindustrie privatisiert. Sie muss der Zentralregierung Abgaben
entrichten, und wir bekommen auch davon bloss 3 Prozent."

Grosse Projekte nur mit Lima

Über grosse Projekte - Infrastruktur, Erziehung und Gesundheit, wirtschaftliche Entwicklung - kann die Provinz nicht selbstständig entscheiden; sie muss jedes Mal den Segen der Zentralregierung erbitten. Die eigenen, aus Steuern stammenden Ressourcen sind angesichts der Armut der Bevölkerung so gering, dass damit nicht einmal die Grundbedürfnisse - sauberes Wasser, Strom, Schulen für alle - befriedigt werden können. "Das Schlimmste aber ist", meint Vasquez Valera, "dass es keine strategischen Pläne für die Entwicklung unserer Region gibt. Jede kurz- oder mittelfristige Planung hängt heute von solchen Plänen ab. Wir haben keine. Ganz Peru hat keine. Wenn je etwas gebaut wurde bisher, hing das immer von willkürlichen Entscheiden eines Beamten aus Lima ab.
Alles konnte jederzeit wieder abgeblasen werden."

Vasquez Valera gehört zu den wenigen ökonomisch geschulten Politikern der Region; er setzt Hoffnungen auf den Machtwechsel. "Die amtierende
Übergangsregierung, ein Luxuskabinett wie wir das nennen, ist gut fürs Image im Ausland, und so etwas brauchen wir jetzt. Uns wird sie nicht viel nützen.
Das sind die gleichen Zentralisten wie eh und je. Die wissen nichts anderes. Aber mit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im April 2001 kann sich einiges ändern. Es gibt Kandidaten, die unsere Anliegen Ernst nehmen und dafür sorgen, dass dezentralisiert und strategisch geplant wird, dass wir Kompetenzen und vor allem einen gerechteren Teil des Staatsbudgets bekommen."
 

     



Wir werden nicht nur in den Regenwald gehen um dort unsere Zivilisations Neurosen, unsere verbogenen Seelen und Ängste bei weisen Männern und Frauen abzuladen um dann, wieder zu Hause, über den hohen Kaffeepreis zu klagen.
Wir werden auch damit beginnen, die Außenpolitik unserer Regierungen zu privatisieren und sie zu unserer ganz persönlichen Angelegenheit machen.  Wenn wir das in großer Zahl tun, wird sich die Hülle, die uns umgibt und sich Staat nennt, mit uns ausdehnen müssen.


Die Freunde von
Don Agustin